Die Steitigkeiten in der Evangelischen Kirche von Luxemburg gehen in eine neue Runde. Der bekannte Prediger und Autor Volker Strauß füllte im vergangenen Jahrzehnt die protestantische Kirche in Luxemburg-Stadt. Jetzt soll er schweigen und darf die Kirche nicht mehr betreten. Seit Mitte März ist er vom neugewählten Konsistorium von seinem Dienst suspendiert, das Konsistorium betrieb seine Abberufung, über die die Generalversammlung positiv entschieden hat. Nun müssen sich Regierung und  staatliche Gerichte erneut mit dem Konsistorium beschäftigen. Der erste Prozess wird Ende Januar 2022 verhandelt, und das ist nur der Auftakt einer ganzen Serie von Verfahren.

Das Konsistorium wirft Strauß Dienstpflichtverletzungen vor. Konkretes erfährt die Öffentlichkeit allerdings nicht. In Briefen und Publikationen des Konsistoriums an die Mitglieder und Mitarbeiter der Kirche ändern sich die Begründungen laufend. In einer Pressemitteilung heißt es sinngemäß, dass man die wahren Gründe des Entscheids nicht aufzählen könne. Das Schweigen des Konsistoriums ist nur allzu vertändlich, denn Dokumente und Recherchen zeigen den Fall des Konsistoriums in einem anderen Licht.  

Was ihm das Konsistorium nicht vorwirft

Viele, die ihn kennen und noch mehr die, die ihn nicht kennen, sind verunsichert. Schon wieder so eine Geschichte!  Was ist da dran? Wem kann man glauben?

Volker Strauß ist seit mehr als 10 Jahren in der Luxemburger Kirche tätig. Seine Verdienste als Prediger, Autor und Seelsorger, sein Ideenreichtum als Brückenbauer zwischen der Kirche und ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Umgebung, sowie sein weit über das Übliche hinaus gehende Engagement für seine Kirche ist auch von seinen Gegnern im Konsistorium unbestritten. Weder werden ihm falsche Lehre oder Fehler noch Untätgkeit vorgeworfen.

„Zerwürfnis mit dem Kollegen“ und „Dienstpflichtverletzungen“

Das Konsistorium beschuldigt Strauß, es gebe ein schweres Zerwürfnis mit einem Mitarbeiter  und er sei für ein schlechtes Arbeitsklima verantwortlich. Richtig ist, dass der betreffende Mitarbeiter gut dokumentiert die Zusammenarbeit mit dem Konsistorium seit Herbst 2015 verweigert hat. Der Mitarbeiter hat sich in jener Zeit mit  begründeten Abmahnungen konfrontiert gesehen und die Abwahl des Konsistoriums und seines Vorgesetzen aktiv betrieben. Ehemalige Mitglieder des Konsistoriums können sich die Haltung des neugewählten Konsistoriums nicht erklären. Sie bezeichnen die Zusammenarbeit mit Volker Strauß als gut – sie sei konstruktiv und lösungsorientiert gewesen. Zudem wünschen sie sich wie viele Gemeindeglieder auch, dass Volker Strauß in Luxemburg als Pfarrer bleiben soll. Die zahlreichen Gottesdienste und kulturellen Anlässe, selbst unter den schwierigen Bedingungen der Pandemie, zuletzt die „Reihe von Bachkantaten mit Aufführung im Gottesdienst“, wären ohne seinen Einsatz und seine Arbeit im Hintergrund nicht denkbar gewesen. 

Die vom aktuellen Konsistorium erhobenen Vorwürfe der „Dienstpflichtverletzungen“, sind von Strauß und seiner Anwältin widerlegt worden. Das in sich zerstrittene Konsistorium sieht das anders und bleibt bei seinen Behauptungen. Dort hofft man, das Strauß finanziell und psychisch die Puste ausgeht und er dann klaglos abziehen würde. Nicht nur sein Büro wurde aufgebrochen und geplündert, jetzt hat man ihm auch noch aus der Dienstwohnung vertreiben wollen. Das Strauß geht, danach sieht es aber gerade nicht aus. Der redegwandte Pfarrer ist durchaus in der Lage, seinen Argumenten auch vor Gericht Gehör zu verschaffen. Die Vorwürfe des Konsistoriums sind auf Banalitäten und Kleinigkeiten zurückzuführen, die jeden Gedanken an ein ordentliches Abberufungsverfahren aus schwerwiegendern Gründen absurd erscheinen lassen.

 

Zusammenarbeit oder Zerrüttung?

Hauptvorwurf im Abberufungsgesuch ist, dass „Strauß die Arbeit des Konsistoriums behindere und es keine Zusammenarbeit mit dem Konsistorium“ gebe. Wenn man sich die Sache genauer ansieht, ist es wohl umgekehrt richtig. Kein Mitglied des Konsistoriums hat, seit den Wahlen am 15. November 2020 persönlichen Kontakt mit Pfarrer Strauß gesucht. Strauß seinerseits hat mehrfach das Gespräch gesucht und Kontakt- und Gesprächsangebote gemacht. Seinen Einladungen zur Übergabe von Unterlagen wurde konsequent ausgewichen. Dann behauptet das Konsistorium, es habe keinen Zugang zu den Unterlagen im Sekretariat. Aber: alle Mitglieder des Konsistoriums haben nachweislich Zugang zum Büro und allen Unterlagen gehabt. 

Laut Dienstauftrag überwacht Pfarrer Strauß als leitender Pfarrer die Finanzverwaltung der Kirche. Doch die Finanzen wurden seitdem hinter dem Rücken des leitenden Pfarrers geregelt. Die Kassenführung  führte schon nach vier Wochen zu hohen Fehlbeträgen. Fällige Rechnungen wurden ohne Begründung nicht mehr bezahlt. Auslagen wurden nicht erstattet und Kredite sollten hinter dem Rücken der Mitglieder und der Generalversammlung aufgenommen werden, um weitere Anwaltshonorare zu bezahlen.

Pfarrer Strauß liess sich nicht einschüchtern und benannte die Missstände und forderte seine Rechte ein. Sofort hagelte es Vorwürfe und Abmahnungen, die seltenen Zoom-Sitzungen des Konsistoriums wurden zu orchestrierten Gruppenmobbing gegen Strauß umfunktioniert. Ab Februar 2021 wurde Pfarrer Strauß dann von den Sitzungen des Konsistoriums systematisch ausgeschlossen, obwohl er dort Mitglied kraft Amtes ist, und sein eamil-account wurden geschlossen. Die fehlende Bereitschaft zur Zusammenarbeit ist ganz klar auf der Seite des Konsistoriums zu erkennen nd die behauptete „Zerrüttung“  wurde von Mitgliedern des Konsistoriums mutwillig herbeigeführt. 

Nadelstiche und Isolation

Entscheidend ist wohl, dass Pfarrer Volker Strauß von sämtlichen Kommissions- und Ausschusssitzungen ausgeschlossen wurde. Neue Wählerlisten wurden ohne sein Wissen erstellt und die Zahl der Wahlberechtigten heraufgesetzt. Zuletzt wurde ihm das Abhalten von Gottesdiensten und Zutritt zu seinem Büro verwehrt – das Schloss war einfach ausgetauscht worden. In der Folge fehlen ihm wichtige Unterlagen.  An seine Gemeinde und die Öffentlichkeit durfte er sich nicht wenden, da man ihm ein totales Schweigegebot auferlegt hat. Jetzt liegt das Verfahren bei der Regierung und den Gerichten.  Jeder möchte die leidige Sache gerne vom Tisch haben. Zu hoffen wäre – auch im Sinn des Kirchenvolks – auf eine unvoreingenommene und faire Prüfung, die sich nicht einseitig auf angebliche Verfehlungen von Pfarrer Volker Strauß konzentriert, sondern die Verfehlungen der Kontrahenten und insbesondere des beigeordneten Pfarrers einbezieht und kritisch beurteilt. Eine Neuwahl des von der Justiz eingesetzten Konsistoriums wäre ohnehin fällig. Denn erst nach der Wahl eines von der Gemeinde legitimierten Konsistoriums kann eine für alle Seiten anständige Lösung gefunden werden, die Pfarrer Strauß eine Fortsetzung seiner Tätigkeit bis zu seiner Pensionierung ermöglicht.

Die Kirche im Dorf und Strauß in der Kirche lassen

Vor allem aber scheint es doch notwendig, die Perspektive ein wenig zurechtzurücken: Das Konsistorium in Luxemburg– besser Teile davon – hat mit Verlaub gesagt ein echtes Luxusproblem! Da gibt es einen Pfarrer, der die Kirche füllt, der überdurchschnittlich aktiv ist und zwar im Großen wie im Kleinen, in der Öffentlichkeit wie in seiner Gemeinde da ist und einen Leistungsausweis hat, der nicht einmal von seinen Gegnern bestritten wird. Anstatt darauf zu sehen und dankbar dafür zu sein, werden Kleinigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich immer wichtiger, in die sich einige, wenige Personen verbeißen und einen Rosenkrieg anzetteln, der in Schikanen, Strafanzeigen, angeblichen Dienstpflichtverletzungen und schließlich in einem minutiös und generalstabsmäßig vorbereiteten vermeintlichen Abberufungsverfahren mündet.

Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man es für absurd halten. Hier werden, wie es die frühere Vorsitzende des Konsistoriums, Eliane Fuchs, richtig formuliert hat, Partikularinteressen über das Allgemeininteresse gestellt. Die Kirche – und nicht nur die Kirche in Luxemburg – hat andere Probleme: Die Abwendung vieler Menschen, vor allem der Jungen vom Glauben, den Wertezerfall in unserer Gesellschaft, die Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit alter und arbeitsloser Menschen, die Zuspruch benötigen. Demgegenüber betreibt die Kirchenleitung aktiv den Verfall des Ansehens der Institution Kirche, der solche Affären wie die Treibjagd auf einen Pfarrer und seine Familie schaden. Gerade in diesen Zeiten braucht es kluge und zupackende Persönlichkeiten. Und deswegen sollte man die Kirche im Dorf und Volker Strauß in der Kirche arbeiten lassen.